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Wiesnzeit

Den Bericht vom Frequency-Festival muss ich leider streichen, nur so viel: Es war super lustig, ziemlich anstrengend + einfach nur Wahnsinn! Die nächste Festivität ist aber schon in vollem Gange:

Es ist wieder Wiesn in München. Für alle nicht-Bayern: Oktoberfest. Standardwitz, ich weiß... "Die Wiesn" ist übrigens Singular ("Einzahl"), und da ist auch kein Apostroph. Das ist wichtig! Wie bei der Maß Bier. Die Maß - mehrere Maß. Hier auch erklärt: Wiesn

Wir Bayern sind ja anscheinend dafür bekannt, und vermutlich trifft es auch auf viele zu: Wir sitzen gerne auf Bierbänken zusammen, trinken Bier, und genießen Gemütlichkeit die auch mal fließend ins Feiern übergeht.

Aber im Ernst. Zur Wiesnzeit ist die Stadt voll. Wirklich zu voll. Es gibt so viele Touristen, dass Sonder-Campingflächen weit weg vom Zentrum (z.b. an der Messe) ausgewiesen werden. Laut HRS ist man am mittleren Wochenende für ein Pensionszimmer am Stadtrand mit 200€ dabei, Hotelzimmer im Zentrum gibt es schon ab 260€ pro Nacht. Es ist völlig alltäglich dass man auf dem Arbeitsweg in München über Hinterlassenschaften der Wiesnbesucher oder über nächtliche Wiesnbesucher steigen muss. U-Bahn und S-Bahn stoßen regelmäßig wegen Überfüllung an ihre Grenzen oder werden von Betrunkenen blockiert. 2012 musste die U-Bahn-Station Theresienwiese während des Oktoberfests 170x wegen Überfüllung gesperrt werden. Die MVG kapituliert schon länger vor den Menschenmassen und empfiehlt den Fußmarsch.

Man kann auch nicht einfach so auf die Wiesn gehen um etwas zu Essen und Bier zu trinken wann man Lust (und auch Zeit) hat, denn einen Platz zu bekommen ist wirklich Glücksspiel. Ein spontaner Besuch ist wenn dann nur unter der Woche möglich, je früher am Tag desto besser die Chancen auf einen Sitzplatz. Ansonsten kommt man oft gar nicht in die Bierzelte hinein (bei schönem Wetter nicht einmal in die Biergärten aussenrum). Am Wochenende stehen die Chancen grundsätzlich sehr schlecht. Und das bei ständigen etwa 100.000 Plätzen. Junge Leute machen teils die Nacht durch und stehen am Wochenende bereits ab 7:00 morgens vor den Eingängen. Zusammen mit vielen Touristen stürmen sie am Morgen die Bierzelte, die dann gleich wieder wegen Überfüllung schließen. Einen Spaziergang kann man immer machen, ob man geht oder von der Masse geschoben wird ist ebenfalls stark unterschiedlich.

Der Wettlauf um Tischreservierungen in den Bierzelten beginnt bereits gegen Anfang des Jahres. Man schickt Faxe an die Wirte der großen Zelte und kann nur hoffen dass man gütigerweise eine Reservierung bekommt damit man dann für viel (!) Geld essen und trinken darf. Die Kriterien dafür sind größtenteils unklar. Große Firmen werden offensichtlich bei der Platzvergabe bevorzugt, ausserdem schaden Beziehungen nicht.

Großfamilien mit Kinderwagen schieben sich am Wochenende über den ohnehin schon überfüllten Platz (eigentlich aus gutem Grund verboten), Junggesellenabschiede aus allen möglichen Ländern, dazu schwer betrunkene Italiener im Superman-Kostüm / mit Bierfass-Hüten und junge Männer aus dem englischen Sprachraum, die einfach T-Shirts tragen die mit etwas bedruckt sind das wie eine Lederhosn aussehen soll. Oder offensichtliche Japaner-Gruppen in Billigtracht. Ich würde nie auf die Idee kommen, im Urlaub ein Kimono-Imitat zu tragen, oder ein traditionelles arabisches Gewand, oder oder... Fände ich anmaßend und albern.

Wir Münchner machen uns ja sowieso gerne darüber lustig, was von Zugezogenen alles unter "Tracht" verstanden wird, aber was als Superman verkleiden mit dem Oktoberfest zu tun hat erschließt sich mir wirklich nicht.

Die Stadt München und die Leitung des Oktoberfests macht aber wie jedes Jahr gute Miene und sagt dass alles toll, friedlich und gemütlich ist. Verständlich, die vielen Besucher spülen geschätzte Milliarden Euro in die Stadt. Dass es aber schon lange kein "Volksfest" mehr ist, da zu teuer und viel zu überfüllt, wird nirgendwo erwähnt. Knapp 10€ für den Liter Bier und zwischen 10€ - 18€ für ein halbes Hähnchen ohne Beilage, dazu eine kleine Tüte gebrannte Mandeln für 6€ und eine Geisterbahnfahrt für 5€, da kann man sich ausrechnen was da für eine Familie zusammenkommt (das sind die Preise der "normalen" Gastronomie, nach oben gibt es keine Grenzen). Das ist natürlich für die Touristen aus Australien, Italien oder anderswo egal, bei der Anreise macht das nicht mehr viel aus.

Gefühlt ist bald das Limit erreicht. Ich frage mich seit längerem ob erst etwas passieren muss um das zu erkennen. Man möchte sich nicht ausmalen wie es aussieht wenn sich die bis zu >10.000 Menschen eines Bierzelts in Panik befinden, aus welchem Grund auch immer. Die Zelte sind WIRKLICH groß und so gut wie immer sehr voll:

Hacker-Festzelt

In ein paar Jahren wird wohl einfach bei Überfüllung das gesamte Gelände gesperrt werden, oder man denkt sich etwas anderes aus...

Ich kann mich trotz meines jungen Alters noch an Zeiten erinnern als es wesentlich entspannter zuging auf der Theresienwiese. Ironischerweise war für mich die schönste Wiesn die von 2001, als aufgrund des 11. September kurz zuvor viele Touristen aus Angst zuhause blieben. Wenn man einmal einen Platz ergattert hat oder einen ruhigen Tag zum Bummeln erwischt hat, ist die Wiesn wirklich schön. Oft habe ich schon gehört (und fände es super) dass es doch einen Tag noch für Münchner geben sollte. Gemütlich und nicht überlaufen. Natürlich wird es sowas nicht geben.

Die Wiesn ist so etwas wie eine Hassliebe für mich geworden. Und trotzdem gehe ich immer wieder hin, treffe Freunde, habe Spaß, und grantel über sie...

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Festivalzeit

Es war wohl gegen 0:30 Uhr. Eigentlich lag ich ganz bequem, aber warum standen Leute um mich herum? Der Boden, mit Plastikplatten ausgelegt um sich nicht in Schlamm zu verwandeln, war gar nicht so hart. Ich hob den Kopf und schaute direkt in eine krachende Lasershow. Dazu fiesen, sehr lauten Dubstep. Wo bin ich? Die Gesichter der Leute die um mich rumstanden grinsten und durch den Lärm vernahm ich kichern. Meine Orientierung kam zurück, ich war irgendwo im hinteren Bereich des großen Platz an der Alternastage. Ich rappelte mich auf und sagte erstmal "Servus, ich bin der Rudi. Will noch jemand 'n Bier"? Ich holte eine Runde, alle lachten gemeinsam mit mir, was ich mir einen etwas komischen Platz für ein Nickerchen ausgesucht hatte. Was solls, die Party ging weiter. Wir haben noch eine Weile gequatscht, die Leute habe ich nie wiedergesehen.

Die Liebe zu Musikfestivals habe ich recht spät entdeckt, in einem Alter wo die meisten wahrscheinlich schon wieder damit aufhören. Auf Konzerte ging ich schon immer gerne, je lauter und rockiger, umso besser. Warum also nicht ein paar Tage am Stück nichts anderes tun? Beim 1. Mal noch in einer Pension nächtigend, dann auch klassisch im Zelt.

Die Tage sehen dann in etwa so aus: Vormittags aufstehen, erstmal ein lauwarmes Radler aus der Dose gegen den Kater. Dann noch eins, eventuell auch einen Kurzen um die Sache etwas zu beschleunigen. Ein wenig Alibi-Frühstück dazu. Abhängen vor dem Zelt, wieder fit werden, quatschen, die anderen Leute beobachten, die ja alle schrecklich fertig aussehen und bestimmt stinken. Man selbst duftet natürlich nach Lavendel und sieht aus als könnte man sofort zu einem Vorstellungsgespräch. Man schnappt sich einen Rolle Klopapier und macht sich auf die Wanderung zur nächsten Dixie-Reihe, wo das besondere Sanitärerlebnis einen erwartet. Ist nicht jedermanns Sache. Manchmal gibt es auch "richtige" Klos in Containern, kosten aber meistens extra und stehen grundsätzlich am anderen Ende des Geländes (und das können durchaus Kilometer sein).

Alibi-Frühstück (Rock im Park 2012)

Gegen Nachmittag, früher oder später, macht man sich auf zu den Bühnen. In der Regel ein mittlerer Fußmarsch der wie bei uns 2012 bei Rock im Park durchaus eine gute halbe Stunde oder mehr ausmachen kann. Das bunte Treiben auf den Campingplätzen ist aber so unterhaltsam dass es einem fast nichts ausmacht. Auf dem Weg sieht man dekorierte Zelte, Bierleichen, Trinkspiele (an denen man spontan teilnimmt), Griller, Leute in komischen Verkleidungen, usw. Je nach Wetter ist es heiss, regnet 4 Tage von der Seite inkl. Sturm, dann darf man mit Gummistiefeln durch wadenhohen Schlamm waten. Sieht dann aus wie auf einem anderen Planeten:

Bierholen in der Schlammwüste (Soutshide 2011)

Schnell durch die Sicherheitskontrolle, die darauf achtet dass man keine Flaschen aufs Bühnengelände nimmt. Ab Mittag spielen meist zuerst die etwas unbekannteren Bands. Man groovt sich ein, trinkt mehr Bier (so ziemlich die einzige Konstante), schwört sich auf einen Treffpunkt ein, falls sich die Gruppe verliert (was dann später am Abend sowieso nicht klapp), checkt die Spielpläne, prüft schonmal den Weg zur nächsten Dixie-Reihe usw. Alles super gemütlich und gechillt. Einen kleinen Schlenker zu den Marktständen noch, einen Abstecher in eine der Zeltbühnen die später abends heillos überfüllt sind, und man freut sich auf die ersten Lieblingsbands. Ein kleiner Bungeesprung wird auch immer gern mal mitgenommen.

Die Auftritte laufen meistens so ab wie man es von klassischen Konzerten kennt, eventuell etwas motivierter und "wilder". Und nätürlich größer. Da stehen durchaus mehrere Zehntausend Leute vor einer Bühne.

Der Blick von oben, endloses Festivalgelände (Southside 2011)

Doch bissl was los (Rock im Park 2012)

Hat man seine Gruppe verloren hilft eigentlich nur noch eines: Mehr Bier, und sich alleine möglichst praktisch durchs Gedränge kämpfen und einen noch besseren Platz zu finden. Verliert man sie nicht trinkt man erstmal eine Runde Bier drauf!

Je nach Festival spielen die Bands bis Mitternacht oder auch mal 2 Uhr nachts. Danach gibt es entweder ein großes Partyzelt (total überfüllt und teuer), einen "Nightpark" der einem großen Club ähnelt oder eben die gute alte Campingplatz-Party. Ruhe ist auf dem Campingplatz fast nie. Wenn gerade nicht Musik, Gegröhle oder andere Geräusche zu hören sind wird eben nach Heeeeeeelga gerufen. Man trinkt Bier mit wildfremden Leuten, alle sind entspannt und nett.

Man findet seine Truppe wieder (falls noch nicht passiert), und es wird weiter gefeiert und dann etwas im klammen Zelt auf dem harten Boden geschlafen. So schließt sich der Kreis, bis man vom satten Zischen der Bierdosen, Helga-Rufen oder Explosionen geweckt wird.

So passiert letztes Jahr bei Rock im Park, wir sitzen vormittags mit glasigem Blick vor unserem Zelt, plötzlich Hektik und laute Schreie: "Alle weg, sofort, lauuuuuft!!!!". Auf einer Anhöhe, ein paar Hundert Meter entfernt rennen die Menschen auseinander. Ein Riesenknall, BOOOOOOOOOOOOOM! Ein Grill fliegt (ohne Übertreibung!) an die 10 Meter in die Höhe und knall wieder auf die Wiese. Ca 20 Sekunden später kommen zuerst Securities, dann Polizisten mit Schlagstöcken angelaufen. Jemand hat der Grill (evtl mit einer Gaskartusche) gesprengt. Fanden die Sicherheitsleute natürlich nicht so lustig. Solche surrealen Situationen erlebt man ständig, ein paar Beispiele:

Irgendwelche Dudes (Rock im Park 2012)

Auch eine Anekdote mit der ich vermutlich noch meine Urenkel langweilen werde: Die Schwaben auf dem Caravan-Platz. Direkt gegenüber einer großen Dixie-Reihe platziert, haben sie jeden Klobesucher registriert, Statistik geführt und Ratschläge gegeben welches Klo noch am appetitlichsten ist. Und sich selbst ein Dixie reserviert. Das wir dann netterweise mitbenutzen durften, nachdem wir uns angefreundet und ihre Getränke dezimiert hatten. Dabei wollten wir uns ursprünglich nur ein Messer ausleihen.

Klostatistik (Soutside 2011)

Und das macht auch den Reiz aus, man weiß nie was man alles sieht und erlebt, nur dass man eine Menge Spaß haben wird. Das einzig geregelte sind die Band-Spielzeiten. Einfach mal raus aus dem Alltag, ich glaube deswegen stehe ich so drauf. Ich würde gerne noch viel öfter auf Festivals fahren, aber Mitfahrer zu finden wird immer schwieriger, und die Zeit dafür auch.

Wenn ich an den Auftritt der Foo Fighters denke, nachts bei Wind und strömendem Regen, relativ weit vorne gestanden, bekomme ich immernoch Gänsehaut. Dave Grohl + Co durfte ich diesen Sommer 2011 sogar 2x live sehen.

Kommenden Mittwoch fahre ich nach St. Pölten aufs FM4 Frequency Festival und kann es kaum noch erwarten, auch wenn ich dieses mal zu den "Alten" gehöre. Die erste Fuhre Bier ist schon gebunkert (Bier ist überhaupt das Wichtigste falls ich das noch nicht betont habe) und die Österreicher-Crew auch schon ganz heiss!

Das könnte legendär werden. Ich melde mich danach mit dem Versuch eines Berichts (so ich heil wiederkomme und ich mich erinnern kann). Rock'n'Roll Baby!

Durchhalten! (Southside 2011)

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